Vom Zwang das Kopftuch nicht zu tragen - Kommentar von Ingrid Thurner| Nachrichten-Code: 194298 | Datum: 2010/07/03 | Quelle: Islam.de | | print |
Artikel Vom Zwang das Kopftuch nicht zu tragen - Kommentar von Ingrid Thurner
„Der Islam- und Verhüllungsdiskurs zeigt: Die Muslimin wird dringend benötigt, zur Verhüllung des Dilemmas, dass in dieser aufgeklärten Zeit Frauen zwar beinahe nackt herumlaufen dürfen, aber sonst wie eh und je wenig zu entscheiden haben". |
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Die einen sind fast nackt, die anderen fast gänzlich
bedeckt. Aber nur der verhüllte Körper erhitzt die Gemüter und die
Debatten, der unbekleidete ist uns keine öffentliche Erregung wert.
Als die muslimische Frau in der Öffentlichkeit sichtbar wurde,
verwandelte sie sich in ein Problem. Sichtbar ist sie erst, seit sie
begonnen hat, ihren Körper zu verstecken und damit selbstbewusst
aufzutreten. Das tut sie nun seit einigen Jahren. Vorher verursachte
sie keine Aufregung, keine Schlagzeilen und kein Engagement.
Dabei erschwert ihr diese Aufmachung Leben und Alltag beträchtlich. In
den Arbeitsämtern gelten Kopftuchträgerinnen als schwer vermittelbar.
In der U-Bahn und im Park sind sie Anfeindungen ausgesetzt, im Kino und
im Supermarkt erklären ihnen wildfremde Personen, diese Kleidung sei
unpraktisch, gar unhygienisch. Gleichzeitig hält man sie für dumm. Man
redet in ihrer Gegenwart über sie, als ob sie nicht da wären und als ob
sie nicht verstünden, was man über sie sagt. Wollen sie also eine
Arbeit finden oder auch nur in Ruhe gelassen werden, tun sie gut daran,
ihre Körperinszenierung den ortsüblichen Gepflogenheiten anzupassen.
Dann gelten sie als gut integriert. Genau genommen unterliegen
Musliminnen hierzulande dem Zwang, das Kopftuch nicht zu tragen.
Die paternalistische Befreiung
Alle
möglichen gesellschaftlichen Gruppen sind angetreten, in
paternalistischer Manier muslimische Frauen aus ihrer Unterdrückung und
ihrer Verhüllung freizukämpfen: Rechtspopulistische Politiker,
Boulevardblätter, Feministinnen, Sozialdemokratinnen, erzkonservative
Katholiken, Ex-Muslime. Es eint sie der Glaube, Musliminnen seien
unterjocht von ihrer Religion und von ihren Männern. Sie sind sich auch
darin einig, die Kopfbedeckung nicht deswegen abzulehnen, weil sie ein
religiöses Symbol sei. Die weibliche Verhüllung wird vorgeblich
verdammt, weil sie ein Instrument der Unterdrückung der Frau sei.
Fast wäre man versucht, den Umkehrschluss zu ziehen und weibliche
Nacktheit als Symbol weiblicher Freiheit zu deuten. Aber welchen
Zwängen unterwerfen sich nicht konform-westlich denkende Frauen für den
Auftritt in der Öffentlichkeit? Hohe Absätze, hautenge Jeans, frieren
in der Kälte, ein Leben lang hungern, alles um den Körper vorzeigbar zu
machen, dazu ständige Kontrolle, ob die Haarsträhnen richtig liegen, ob
der Busen richtig steht, ob die Träger sitzen.
Aber der Muslimin, die Körper- und Haarpracht unter wallenden Gewändern
verborgen hält, wird unterstellt, sie sei unfrei. Dass es immer mehr
Musliminnen gibt, die öffentlich dazu stehen, dass sie ihr Kopftuch
gern und freiwillig tragen und dies gar nicht so selten gegen den
Willen von Vätern, Brüdern, Ehemännern, Söhnen, wird überhört.
Es lebe die Aufklärung
Wir sind so
stolz auf die Aufklärung, und dem Islam wird vorgeworfen, dass er
keinen Voltaire hervorgebracht habe. Doch wer die verhüllten Körper aus
den öffentlichen Räumen verbannt sehen will, kann sich nicht auf die
Aufklärung berufen. Säkularisierung bedeutet nun einmal die Autonomie
des Individuums, das Recht der freien Entscheidung. Was die einen dem
männlichen Blick vorenthalten, drängen die anderen ihm auf.
Da werden Leiber für die Öffentlichkeit entblößt, laufen nur mit ein
paar Stoffstreifen herum, die die wesentlichen Körperteile weniger
verhüllen als zur Schau stellen. Wichtig ist, dass die knappen
Winzigkeiten klangvolle Erzeugernamen tragen und zu überhöhten Preisen
erworben werden. Damit demonstrieren junge Frauen, wie frei und
selbstbestimmt sie agieren. Keine Männer zwingen ihnen Kleidungsstücke
auf. Das mag sein. Sie dürfen gerne halbnackt herumlaufen.
Die Verhüllung des Dilemmas
Da aber
opulente Nacktheit allgegenwärtig ist, ist sie nicht mehr so recht
beeindruckend, deswegen muss nachgeholfen werden. Und während Frauen
damit beschäftigt sind, ihre Körper zu trimmen, auf Operationstische zu
legen, Busen zu heben, Lippen zu verdicken, Fett abzusaugen, Vaginen zu
stylen, Zähne zu weißeln, machen Männer Karriere und besetzen die
wichtigen Positionen in Wirtschaft, Forschung, Bildung, Politik, von
der katholischen Kirche nicht zu reden.
So sehr verschieden von islamischen Gegebenheiten ist das nicht.
Führungspositionen, Vorstandsetagen und Lehrstühle besetzen vornehmlich
Männer, und für die gleiche Arbeit erhalten Frauen weniger Lohn. Da hat
ein halbes Jahrhundert Geschlechterkampf keine Gleichstellung erreicht,
und "Gender Mainstreaming" ist nach wie vor ein unentbehrliches
Wortungetüm.
Dieser ganze Islam- und Verhüllungsdiskurs zeigt: Die Muslimin wird
dringend benötigt, nämlich zur Verhüllung des Dilemmas, dass in dieser
aufgeklärten Zeit Frauen zwar beinahe nackt herumlaufen dürfen, aber
sonst wie eh und je wenig zu entscheiden haben. Keine Verschleierung,
keine Unterdrückung, nein, so ist das offensichtlich nicht.
Noch immer keine Gleichstellung
Dieselben feministischen Persönlichkeiten, die sich früher von links
gegen patriarchale Strukturen stellten, verbeißen sich jetzt von rechts
in den Islam und lenken davon ab, dass sie an Geschlechtergerechtigkeit
nicht viel mehr erreicht haben als weibliche Fastnacktheit in fast
allen öffentlichen Räumen und sprachlich unschöne Binnen-Is in diversen
Diskursen und Druckwerken. Das funktioniert aber nur, wenn Musliminnen
in Kopftüchern die Straßen und Parkanlagen bevölkern, und es
funktioniert nur dann, wenn sie in die Kopftücher gezwungen werden.
Die Motive der Frauen und die Charaktere, die sie verhüllen, sind so
verschieden wie die Persönlichkeiten, die sich von Spaghettiträgerchen
präsentieren lassen. Aber als eine wesentliche Begründung für die
Bedeckung geben Musliminnen immer wieder an, dass sie sich nicht über
ihren Körper definieren lassen wollen. Es scheint in Vergessenheit
geraten, dass dies auch einmal ein Anliegen westlichen Feminismus war.
Kein Objekt der sexuellen Begierde mehr wollte frau sein.
Inzwischen heizen Hollywoods Schauspielerinnen und Europas C-Prominenz
den Wettbewerb andersherum an: in der Erleichterung des Körpers von
Textilem bei gleichzeitigem Exponieren strategisch wichtiger
Körperteile. Aber dem Stoff-Minimalismus sind Grenzen gesetzt: Einem
Nichts, das immer weniger wird, bis schließlich nichts mehr da ist,
entspricht ein Reiz, der immer mehr wird, bis nur noch Reiz ist. Und
dann ist keiner mehr gereizt, weder sexuell, noch moralisch. (Mit
freundlicher Genehmigung der Autorin. Erstveröffentlichung in der
Süddeutschen Zeitung)